Objets Trouvés

Hannes Böck, Kerstin von Gabain, Guido Kucsko

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Mit den Worten „Ihr Problem ist das Objektiv“ wies Pablo Picasso einmal einen künstlerisch ambitionierten Fotografen in die Schranken — lange bevor die Fotografie als ein der Malerei ebenbürtiges Medium anerkannt worden war. Ein Medium das — trotz, oder gerade wegen der „Objektivität“ der Apparatur — nicht nur völlig neue, sondern auch äußerst divergente Sichtweisen auf die Realität der Erscheinungen eröffnet hat. Erst die scheinbar objektive Fotografie hat Realität endgültig als ein Konstrukt entlarvt. Die Welt existiert nicht per se, sondern als Summe subjektiver Erfahrungen und Bilder, die sich Individuen von ihr machen.
Die Ausstellung Objets Trouvés zeigt drei unterschiedliche fotografische Annäherungen an die Wirklichkeit historischer Kunst- und Gebrauchsobjekte der Sammlung und des Kunsthandels Hofstätter. Die zusammengeführten künstlerischen Positionen haben zuvor jeweils Carte Blanche erhalten. Gemeinsam ist ihnen eine ihrem Werk bereits inhärente fotografische Auseinandersetzung mit Objekten und den Konventionen musealer Darstellung – in der Ausstellung selbst auch die Beschränkung auf Schwarz und Weiß.

Hannes Böck fotografiert ausschließlich analog, ohne vordergründige Effekte. Er sucht weniger nach einem Personalstil, einer wiedererkennbaren Bildsprache, als vielmehr nach einer jeweils adäquaten Form für seine bildwissenschaftlichen Untersuchungen. Thema sind die aus der Erzeugung und Vermittlung von Bildern resultierenden Vorstellungen von Geschichte und Kultur. Motivisch beschränkt er sich auf die unzugänglichen Depots des Kunsthandels — eine beeindruckende Konzentration von Artefakten aus mehreren Jahrhunderten. Sukzessive angesammelt und ungeordnet verstaut finden sich dort Möbel und Gebrauchsgut, Dekor und Kunst, Unvollendetes und Bruchstücke unterschiedlichster Gegenstände. An sich schon eine Metapher für Zeit, Vergänglichkeit und Geschichte! Im spärlich einfallenden Tageslicht oder im Fokus der suchenden Lampe entdeckt Böck vom Zufall generierte, grotesk surreale Konstellationen von ineinander verschränkten Objekten. Auf die starken Motive und die atmosphärische Dichte des „verwunschenen“ Speichers reagiert der Künstler mit einem dokumentarischen Zugang in dem er sich selbst zurück nimmt. Sein fotografischer Report aus den Tiefen des Depots führt in der Ausstellung einen virtuellen Dialog mit zwei leeren, funktionalen Glasvitrinen der 30er Jahre, bestimmt für die Präsentation imaginärer Glanzstücke.

Kerstin von Gabain, ebenfalls analog arbeitend, entscheidet sich in ihrem Ausstellungsbeitrag für eine andere klassische Strategie der künstlerischen Fotografie, die Typologie. Am Beispiel von jeweils sechs Exemplaren der Typen Stuhl und Schrank verweist sie auf die Unterschiedlichkeit im Gleichartigen. Dabei zielt sie weniger auf die Andeutung der schier endlosen Vielfalt funktionaler und stilistischer Diversität solcher Gegenstände, als vielmehr auf deren „Familienähnlichkeit“ im Sinne Ludwig Wittgensteins, der Glasnegative von Fotos seiner Geschwister überlagerte, um das allen Individuen einer Gruppe Gemeinsame sichtbar zu machen. Die Aufnahmen unterschiedlicher Rückenlehnen des klassischen Thonet–Stuhls lassen sich ebenso als Gesichter lesen wie die oberen Abschnitte barocker Schränke. Gipsabgüsse von Schrankfüßen unterstützen das von der Künstlerin forcierte Spiel mit figurativen Assoziationen und unterlaufen gleichzeitig die formale Strenge beider Fotoserien. Zudem stellen sie eine räumliche Beziehung zwischen den Abbildungen der Objekte und deren realer Körperhaftigkeit her. Sowohl der Abguss als auch die Fotografie sind technische Verfahren, bei denen aus einem Negativ schließlich ein positiver Abdruck entsteht.

Guido Kucsko hat in den letzten Jahren ein höchst eigenständiges und unverwechselbares Werk entwickelt, das technisch, bis zu einem gewissen Grad auch stilistisch, auf dem perfekten Zusammenspiel mehrerer Faktoren beruht: den Aufnahmen mit einer Kompaktkamera, deren digitaler Nachbearbeitung, dem Ausdruck durch einen 12-Farben-Pigment-Drucker auf Hahnemühlepapier. Das rein ästhetische Ergebnis — subtile Ton- und Farbwerte sowie kostbare, immateriell wirkende Oberflächen — ist frappant. Demgegenüber steht eine substantielle Auseinandersetzung mit komplexen Themen und Inhalten. Der Fotografie kommt innerhalb dieses Werkprozesses meist die Rolle der Impulsgeberin, der Auslöserin von Assoziationsketten und verzweigten Gedankengängen zu. Sehr selten resultiert aus der Aufnahme direkt ein Bild. Die finalen Bilder, meist sind es Bildserien oder installative Bildgeschichten, entstehen erst nachdem Kucsko mit den skulpturalen Objekten in intensiven Dialog getreten ist: Eine Diana mit Hündchen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts gibt ihm Anlass sowohl über das Naturschöne als auch das Kunstschöne nachzudenken, oder über Blickführung und Blickkonstruktion im Verhältnis zwischen Abbild und Betrachter. Die barocke janusköpfige Büste Leid und Bestürzung inspiriert den Künstler zu einer nochmaligen metaphorischen und dramatischen Überhöhung des Themas in einem räumlichen Beziehungsnetz, in dessen Brennpunkt die Skulptur steht.

Edelbert Köb